Mythic+ in der Vertrauenskrise: PUG-Frust und ein mutmaßlicher GM-Eingriff
Hohe Schlüsselsteine werden zunehmend in geschlossenen Gruppen gespielt, Nicht-Metaklassen kämpfen um Einladungen und öffentliche PUG-Keys werden immer seltener. Nun sorgt ein mutmaßlicher Eingriff eines Blizzard-GMs in einen +23-Key für einen handfesten Skandal und bringt die Community endgültig zum Kochen.
Mythic+ befindet sich derzeit in einer schwierigen Situation. Wer einfach nur seine wöchentliche Große Schatzkammer füllen oder die saisonalen Belohnungen freischalten möchte, findet weiterhin ausreichend Gruppen. Sobald es jedoch um wirklich hohe Schlüsselsteine und das Pushen der Rangliste geht, verändert sich das Bild deutlich.
Im oberen Bereich werden gute Keys kaum noch öffentlich angeboten. Viele Spieler teilen ihre Schlüsselsteine bevorzugt mit Freunden, bekannten Spielern oder innerhalb fester Push-Gruppen. Das ist aus ihrer Sicht nachvollziehbar: Ein einziger Fehler kann einen seltenen +20-, +21- oder noch höheren Schlüsselstein zerstören. Gleichzeitig entsteht dadurch jedoch ein zunehmend geschlossenes System, in das neue Spieler kaum noch hineinkommen.
Ohne Metaklasse wird die Gruppensuche zum Geduldsspiel
Besonders hart trifft diese Entwicklung Spieler, deren Spezialisierung nicht zur aktuellen Meta gehört. Selbst Charaktere mit passender Wertung, guter Ausrüstung und nachweislich erfolgreichen Runs werden häufig abgelehnt, wenn gleichzeitig eine vermeintlich stärkere Klasse zur Auswahl steht.
Für Gruppenleiter ist das teilweise eine einfache Risikoabwägung. Bei dutzenden Bewerbungen werden Klassen eingeladen, die den höchsten Schaden, starke defensive Fähigkeiten und möglichst viel Gruppennutzen kombinieren. Für alle anderen bedeutet das allerdings, dass sie entweder ihren eigenen Key spielen, auf eine Metaklasse wechseln oder sich ein festes Team suchen müssen.
Theoretisch sind viele Spezialisierungen in der Lage, hohe Schlüsselsteine abzuschließen. Praktisch entscheidet im Gruppensuche-Tool jedoch häufig schon das Klassensymbol darüber, ob ein Spieler überhaupt eine Chance bekommt.
Das eigentliche Pushen beginnt damit längst nicht mehr im Dungeon, sondern bei der Frage, ob man Teil des richtigen Netzwerks ist.
Ein verdächtiger +23-Key sorgt für Aufsehen
In genau dieser angespannten Situation tauchte nun ein öffentlicher Kampflog eines erfolgreich abgeschlossenen +23-Keys im Nexuspunkt Xenas auf. Der Run wirkte zunächst lediglich ungewöhnlich knapp. Bei einer genaueren Analyse wurden jedoch Fähigkeiten entdeckt, die dort eigentlich niemals hätten eingesetzt werden dürfen.
Im Log erscheint ein zusätzlicher Akteur namens Daijosai, der nicht zu den fünf Gruppenmitgliedern gehört. Diesem Akteur wird unter anderem der Einsatz von Area Death (TEST) zugerechnet - einer internen Fähigkeit, die Gegner augenblicklich töten kann.
Nach den derzeit bekannten Auswertungen soll damit zunächst ein Gegner für den noch fehlenden Fortschritt beseitigt worden sein. Außerdem soll auch Lothraxion bei geringer verbleibender Gesundheit durch eine entsprechende Fähigkeit getötet worden sein. Der Run wurde Berichten zufolge mit lediglich rund 14 Sekunden Restzeit abgeschlossen. Ohne den Eingriff wäre der Schlüsselstein damit sehr wahrscheinlich nicht mehr innerhalb des Zeitlimits beendet worden.
Der Zeitstempel und die Dauer des Logs passen zu einem realen +23-Abschluss, der ebenfalls in den öffentlichen Ranglisten auftaucht. Eine Manipulation des Logs oder ein technischer Fehler konnten zunächst dennoch nicht vollständig ausgeschlossen werden. Weitere Details und Auswertungen finden sich im Bericht zum auffälligen Kampflog.
Gruppenmitglied spricht über den anwesenden GM
Deutlich brisanter wurde die Situation durch ein späteres Gespräch mit einem Mitglied der Gruppe.
Nach dessen Darstellung waren fast alle Beteiligten miteinander befreundet und befanden sich gemeinsam mit einem befreundeten Game Master im Voicechat. Lediglich der Tank soll als zufälliger Mitspieler zur Gruppe gestoßen sein.
Nachdem die Gruppe den Endboss besiegt und festgestellt hatte, dass noch Gegnerfortschritt fehlte, soll ein Spieler den anwesenden GM sinngemäß gefragt haben, ob er ihnen kurz aushelfen könne. Kurz darauf wurde der noch benötigte Gegner offenbar durch die interne Fähigkeit getötet.
Damit steht nicht mehr nur ein verdächtiger Kampflog im Raum. Die Aussagen eines Beteiligten stützen zumindest die Vermutung, dass tatsächlich ein Blizzard-Mitarbeiter oder eine Person mit entsprechenden Rechten anwesend war und aktiv in den Run eingegriffen hat.
Trotzdem gilt weiterhin: Blizzard hat den Vorfall bislang nicht offiziell bestätigt. Auch die genaue Identität, die Rolle der beteiligten Person und mögliche Konsequenzen sind derzeit nicht abschließend geklärt.
Area Death (TEST) macht den Fall beinahe absurd
Die verwendete Fähigkeit könnte kaum auffälliger sein. Area Death (TEST) wird in der Spieldatenbank als Debug-Fähigkeit geführt und besitzt keinen normalen Einsatzzweck für Spieler.
Der Zauber ist eine sofort wirkende Fähigkeit mit praktisch unbegrenzter Reichweite. Sein Effekt: Gegner im Wirkungsbereich werden unmittelbar getötet. Die Beschreibung endet ausgerechnet mit dem Wort Cheater.
Unter dem Eintrag der Fähigkeit finden sich inzwischen Kommentare wie +23 Seat LF GM oder Hinweise darauf, dass der Zauber gelegentlich zum Abschließen von +23-Keys verwendet werde. Aus einem ernsten Vorwurf wurde damit innerhalb weniger Stunden auch eines der absurdesten WoW-Memes der aktuellen Season.
Warum ein einzelner Key so große Auswirkungen hat
Auf den ersten Blick könnte man den Vorfall als schlechten Scherz innerhalb einer Freundesgruppe abtun. Im aktuellen Mythic+-System hat ein solcher Eingriff jedoch direkte Auswirkungen auf andere Spieler.
Die höchsten saisonalen Mythic+-Belohnungen sind an die regionale Rangliste gebunden. Die erforderliche Wertung ist nicht fest vorgegeben, sondern hängt unmittelbar von den Ergebnissen aller anderen Teilnehmer ab. Jeder manipulierte Abschluss kann den Grenzwert damit zumindest geringfügig erhöhen. Für Spieler, die am Ende nur wenige Punkte unterhalb der Grenze landen, ist das keineswegs bedeutungslos.
Hinzu kommt der grundsätzliche Vertrauensverlust. Der betreffende Run wurde offenbar nur entdeckt, weil der zufällig eingeladene Tank den Kampflog öffentlich hochgeladen hatte. Ohne diesen Log wäre lediglich ein regulärer +23-Abschluss in der Rangliste sichtbar gewesen.
Genau dieser Gedanke beschäftigt nun viele Spieler: War es wirklich das erste Mal? Oder lediglich das erste Mal, dass ein solcher Eingriff versehentlich dokumentiert wurde?
Eine Antwort darauf gibt es derzeit nicht. Dennoch reicht bereits die Möglichkeit aus, um Zweifel an nicht gestreamten und nicht geloggten High-End-Runs zu wecken. In einer weiteren großen Community-Diskussion wird deshalb offen infrage gestellt, ob Ergebnissen aus geschlossenen Gruppen noch uneingeschränkt vertraut werden kann.
Top 1% und selbst 0,1% werden zunehmend verkauft
Parallel zur immer geschlosseneren Push-Szene wächst ein weiteres Problem: Hohe Schlüsselsteine und komplette Ranglisten-Platzierungen werden zunehmend als Dienstleistung verkauft. Dabei geht es längst nicht mehr nur um einen einzelnen Key für die Große Schatzkammer oder ein paar schnelle Ausrüstungsgegenstände. Angeboten werden einzelne besonders wertvolle Keys, komplette Wertungspakete und saisonale Pushes bis in die höchsten Prozentbereiche der Rangliste.
Mit Patch 12.0.5 hat Blizzard für Midnight Season 1 die neue Auszeichnung Umbral Champion eingeführt. Sie geht am Ende der Season an die besten 1 Prozent einer Region und belohnt die Spieler mit dem exklusiven Reittier Umbral Ashes. Darüber bleibt weiterhin der Titel der Umbralheld für die besten 0,1 Prozent der regionalen Mythic+-Rangliste.
Genau diese Belohnungen werden inzwischen zum Geschäftsmodell. In Community-Diskussionen berichten Spieler davon, dass Zugänge zu seltenen hohen Keys gegen Gold verkauft werden und sich Kunden von etablierten Push-Gruppen durch die komplette Rangliste tragen lassen. Ein viel diskutierter Beitrag nennt für einen Top-1%-Push beispielhaft einen Preis von rund 18 Millionen Gold, angeblich ohne dass der Käufer selbst nennenswert spielen müsse. Diese Preisangaben stammen aus der Community und lassen sich nicht unabhängig bestätigen, zeigen aber, in welcher Größenordnung über solche Angebote gesprochen wird.
Auch der wesentlich exklusivere 0,1%-Titel ist davon nicht ausgenommen. Spieler aus der High-End-Szene beschreiben das sogenannte Titel-Boosting bereits seit mehreren Seasons als verbreitet. Vier sehr starke Spieler nehmen dabei einen zahlenden Kunden mit, stellen die benötigten Keys bereit und gleichen dessen fehlende Leistung durch Erfahrung, Routing und eine optimale Gruppenzusammenstellung aus. Noch problematischer wird es, wenn nicht nur ein Platz in der Gruppe verkauft wird, sondern fremde Spieler den Account des Kunden übernehmen.
In der Community kursierte zuletzt außerdem der Vorwurf, ein zeitweise sehr hoch oder sogar auf Rang 1 platzierter Enhancement-Schamane sei nahezu vollständig durch dieselben Spitzenspieler geboostet worden. Der Fall sollte nicht als bewiesen gelten, zeigt aber, wie schnell ungewöhnliche Run-Historien inzwischen den Verdacht auslösen, dass Ranglistenplätze nicht selbst erspielt wurden.
Blizzard unterscheidet bei seinen Regeln grundsätzlich zwischen einzelnen Spielern oder Gilden, die Aktivitäten über die vorgesehenen Ingame-Kanäle für Gold anbieten, und organisierten Boosting-Netzwerken. Große, realmübergreifende Organisationen für Boosting, Vermittlung oder Treuhanddienste sind untersagt. Der Handel gegen echtes Geld und die Weitergabe eines Accounts gehen noch deutlich darüber hinaus. Das grundlegende Problem für die Rangliste bleibt jedoch auch bei einem formal erlaubten Gold-Carry bestehen: Die Wertung unterscheidet nicht zwischen selbst erspielter Leistung und einem gekauften Platz in einer Spitzengruppe.
Da sowohl die 1%- als auch die 0,1%-Grenze dynamisch von der regionalen Rangliste abhängen, betrifft jeder gekaufte Abschluss auch andere Spieler. Boosts erhöhen die Grenzwerte, besetzen begrenzte Ranglistenplätze und können ehrliche Spieler am Ende aus dem Belohnungsbereich verdrängen. Wer sich allein oder mit einer normalen Gruppe nach oben arbeitet, konkurriert damit nicht nur gegen die besten Spieler der Region, sondern teilweise auch gegen Kunden, die Zugriff auf deren Gruppen und Keys gekauft haben.
Die Community fordert Konsequenzen
Die Reaktionen fallen entsprechend heftig aus. Gefordert werden unter anderem eine vollständige Untersuchung des betroffenen Accounts, die Entfernung der erzielten Wertung und Sanktionen gegen Spieler, die wissentlich von dem Eingriff profitiert haben.
Sollte tatsächlich ein Blizzard-Mitarbeiter seine internen Rechte verwendet haben, um Freunden einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, dürfte außerdem dessen berufliche Zukunft bei Blizzard zur Diskussion stehen.
Dabei geht es nicht nur um die wenigen Sekunden, die der Gruppe möglicherweise gespart wurden. Es geht um die Frage, ob für alle Spieler dieselben Regeln gelten.
Normale Spieler riskieren bei der Verwendung von Exploits Sperren, entfernte Erfolge und zurückgesetzte Wertungen. Ein Eingriff durch eine Person mit internen Werkzeugen wäre mindestens ebenso schwerwiegend, insbesondere in einem Spielmodus mit regional begrenzten Belohnungen.
Auch im offiziellen WoW-Forum wird der Vorfall inzwischen intensiv diskutiert. Eine offizielle Einordnung durch Blizzard steht weiterhin aus.
Ein System, das schon vorher kaum zugänglich war
Der Vorfall trifft Mythic+ zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt.
Viele Spieler empfinden das Pushen bereits als immer geschlossener. Gute Keys bleiben innerhalb kleiner Gruppen, öffentliche Anmeldungen werden nach Metaklassen gefiltert und ohne Kontakte endet der eigene Fortschritt häufig lange vor der spielerischen Leistungsgrenze.
Nun kommt zusätzlich der Verdacht hinzu, dass einzelne gut vernetzte Spieler nicht nur leichter an Gruppen und Schlüsselsteine gelangen könnten, sondern im extremsten Fall sogar von internen Eingriffen profitieren.
Ob sich dieser Verdacht über den bekannten Run hinaus bestätigt, ist völlig offen. Der Schaden für das Vertrauen in die Rangliste ist trotzdem bereits entstanden.
Blizzard muss den Vorfall deshalb transparent aufklären. Dazu gehört nicht nur die Frage, was in diesem +23-Key passiert ist, sondern auch, ob die betreffende Person bereits bei anderen Runs eingegriffen hat und wie solche Eingriffe künftig verhindert werden sollen.
Bis dahin bleibt von der aktuellen Mythic+-Season ein bitterer Eindruck: Während normale Spieler stundenlang auf eine Einladung warten, weil ihre Klasse nicht zur Meta gehört, benötigten andere für ihren +23-Key möglicherweise nur den richtigen Freund im Discord.
Community-Diskussionen und Quellen
- Reddit-Diskussion zum mutmaßlichen GM-Eingriff
- Diskussion über das Vertrauen in nicht geloggte oder nicht gestreamte Runs
- Diskussion im offiziellen WoW-Forum
- Auswertung des auffälligen +23-Kampflogs
- Community-Diskussion über verkaufte Top-1%-Pushes und hohe Keys
- Community-Diskussion über Boosting bis in den 0,1%-Bereich
- Offizielle Informationen zur Top-1%-Auszeichnung Umbral Champion
- Offizielle Informationen zum Top-0,1%-Titel der Umbralheld
- Blizzards Richtlinie zu organisierten Boosting-Diensten